Frankfurt/Main - Es wird wieder an der Uhr gedreht: Von 03.00 Uhr springen die Uhrzeiger am frühen Sonntagmorgen zurück auf 02.00 Uhr. Ganz automatisch funktioniert das vornehmlich nur bei Funkuhren, die den Impuls automatisch bekommen und keine weitere Handarbeit erfordern. In anderen Fällen kann man mit der Umstellung getrost bis zum folgenden Morgen warten. Schließlich dauert die Nacht im Idealfall eine Stunde länger als die vorhergehende.
Die Zeitumstellung geht an vielen Menschen aber nicht spurlos vorüber. «Jeder hat eine innere Uhr, die unterschiedlich schnell läuft. Und die wird durch die Umstellung durcheinander gebracht», erklärt der Berliner Chronobiologe Achim Kramer. Die Umstellung könne sich bei manchen Menschen mit den klassischen Symptomen eines Jetlags äußern: Müdigkeit, Konzentrationsschwäche oder allgemeines Unwohlsein.
Bei der Umstellung von Sommerzeit auf die Normalzeit (»Winterzeit») haben nach seiner Ansicht Frühaufsteher unter Umständen mehr zu leiden als diejenigen, die den Tag grundsätzlich lieber später beginnen. «Denn für Frühaufsteher beginnt alles eine Stunde später», betont Kramer. Dagegen könnten sich die Spätstarter, bei Chronobiologen «Eulen» genannt, über eine längeren Zeit im Bett freuen. Die Frühaufsteher (»Lerchen») werden dafür am Abend eher müde. «Diese Veranlagung ist genetisch bestimmt und kann nur schwer beeinflusst werden», betont Kramer. Er geht davon aus, dass die «Eulen» in der Gesellschaft in der Überzahl sind.
Die Umstellung der Uhren im Herbst empfänden die meisten Menschen daher als wesentlich angenehmer. «Wenn man weiß, dass man eine Stunde mehr zur Verfügung hat, freut man sich einfach», sagt der Professor des Instituts für Medizinische Immunologie an der Berliner Charité. Da werde die Umstellung von vielen im Frühjahr als durchaus anstrengender empfunden.
Vergleichsweise wenig Feingefühl für Zeitumstellungen der Menschen haben dagegen Wildtiere. So sollten Autofahrer, die durch Wald- und Feldgebiete fahren, verstärkt damit rechnen, Wildtieren zu begegnen. Viele Wildtiere seien dämmerungsaktiv und nach der Umstellung der Uhren zur gleichen Zeit unterwegs wie die Berufspendler. So warnen auch die Verkehrsverbände vor den oft unterschätzten Folgen der Umstellung.
Denn nach Einschätzung der Deutschen Verkehrswacht kommt das Erwachen für Berufspendler spätestens am nächsten Arbeitstag. «Wer bislang abends noch im Hellen den Weg nach Hause zurücklegen konnte, wird jetzt wegen der Zeitumstellung schon Licht einschalten müssen», warnen die Verkehrsexperten. Dementsprechend appellieren sie an Autobesitzer, auf eine intakte Lichtanlage zu achten.
Reisende, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit der Bahn unterwegs sind, bekommen die Zeitumstellung hautnah mit. «Die betroffenen Nachtzüge fahren gegen 02.00 Uhr einen geeigneten Bahnhof an und bleiben eine Stunde lang stehen», erklärt Bahn-Sprecherin Claudia Wachowitz. Damit werde sichergestellt, dass die Züge am Sonntagmorgen planmäßig fahren könnten. Betroffen sind nach ihren Angaben etwa 50 Züge, davon die meisten Nachtzüge.
Für die Umstellung der rund 2.500 Uhren an deutschen Bahnhöfen muss aber niemand mehr auf eine Leiter steigen. Sie richten sich nach dem Funksignal der Atomuhren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, wie Wachowitz weiter erläutert. Bis tatsächlich alle Uhren die gleiche Zeit anzeigen, vergehe aber eine Stunde. «Die Zeitumstellung ist reine Routine. Fahrgäste können einfach sitzen bleiben und eine Stunde länger schlafen.»
Münchner Professor findet Uhrzeitumstellung sinnlos
Diesen Aufwand könnte man sich nach Ansicht des Münchner Wirtschaftspädagogen Karlheinz Geißler heutzutage allerdings sparen: «Die Umstellung der Uhren ist nutzlos», sagt er. Man versuche, sie noch mit irgendwelchen Argumenten zu rechtfertigen, die mittlerweile aber längst überholt seien. «Wir manipulieren, denn wenn wir die Sommerzeit einführen und rückgängig machen, ändern wir zwar die Uhrzeiger, aber nicht die Zeit.» Es herrsche die Illusion vor, «wir Menschen wären Herren der Zeit, wir könnten über ihren Gang bestimmen und die gesparte Zeit später dann leben».
Früher seien Krisen wie Kriege oder Ölknappheit Anlass für die Uhrzeitmanipulation gewesen, erklär der Professor der Universität der Bundeswehr in München. Zum Energiesparen trage die Umstellung aber nachweislich nicht bei. «Der Stundenklau im Frühjahr und das herbstliche Stundengeschenk werden damit zur unendlichen Geschichte», findet er. Das beizubehalten sei eine politische Entscheidung, nach deren Grund man vergeblich suche.
(AP)
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