- Hessen will alle Kinder zur Vorsorge schicken [ 28.03.2007 ]
Hamburg - Der zweijährige Kevin lag tot im Kühlschrank seines Vaters, völlig ausgemergelt und mit gebrochenen Knochen. Zwei kleine Jungen verhungerten und verdursteten, weil ihre Mutter sie zwei Wochen lang allein in der Wohnung gelassen hatte. Und die sechsjährige Jessica saß vor ihrem Tod allein und eingesperrt in einem abgedunkelten Raum und aß vor lauter Hunger Teppichstücke und Haare. Immer wieder werden Fälle von Kindesvernachlässigung bekannt, die manchmal bis zum Tod führt. Eine Hamburger Regisseurin hat dieses Thema nun in einem Theaterstück umgesetzt. «Ermittlungen im Fall Lotta Jessen» hatten am Mittwochabend Uraufführung im Hamburger Polizeipräsidium.
Von Anfang an merken die Zuschauer: Dieser Theaterabend wird anders. Am Eingang werden nicht die Eintrittskarten sondern die Personalausweise kontrolliert, und die Bühne ist ein Befragungsraum. Hier wurde eine Verhörsituation geschaffen, wie sie sonst nur im Fernsehen zu sehen ist. Durch eine Glasscheibe, die von der anderen Seite verspiegelt ist, guckt das Publikum in einen kargen Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen.
Befragt wird die zwölfjährige Lilly Jessen. Sie hat mehr als ein Jahr lang zugesehen, wie ihre Eltern die fünfjährige Lotta, die als Pflegekind in die Familie gekommen war, vernachlässigt haben. Das Mädchen war hin und her gerissen zwischen der Verantwortung gegenüber der kleinen Schwester und der Loyalität gegenüber den Eltern. Die waren für sie nämlich keine Monster, sondern «die besten Eltern der Welt». Die Zuschauer werden Zeugen, wie Lilly die tragischen Ereignisse rekonstruiert und nach Erklärungen sucht.
Das Thema in der öffentlichen Diskussion halten
«Das Schlimmste daran ist, dass es kein Einzelfall ist», sagt Regisseurin Judith Wilske. «Ich versuche in meiner Arbeit Themen zu finden, die uns heute betreffen», erklärt sie. Die Idee, Vernachlässigung von Kindern anzugehen, kam ihr vor ungefähr zwei Jahren. Als Vorlage entschied sie sich für den Roman «Kleine Schwester» des Autorenduos Martina Borger und Maria Elisabeth Straub.
Um sich tiefer ins Thema zu versetzen, hat Wilske als Besucherin den Prozess im Fall Jessica beobachtet. «Ich benutze in meinem Stück Elemente, die bei mir selber während des Prozesses gewirkt haben», erklärt sie. So werden in der Inszenierung wie im Prozess Fotos gezeigt, die die Zuschauer nicht sehen können. «Einerseits will man genau wissen, was passiert ist, andererseits hat es immer etwas von Voyeurismus», erklärt die Regisseurin den von ihr aufgebauten Gefühlsbogen. Ihr Ziel ist klar: «Ich finde es schon viel, wenn der Zuschauer sich hinterher die Frage stellt, wie hätte ich reagiert, wenn ich der Nachbar gewesen wäre.»
Tatsächlich hat die Polizei schon oft bei Ermittlungen von Kindesvernachlässigung feststellen müssen, dass die Nachbarn schon viel früher etwas geahnt hätten, wie der Hamburger Polizeisprecher Ralf Meyer sagt. Oft bestehe eine hohe Hemmschwelle, die Polizei zu rufen. Und so habe man nicht gezögert, dieses Projekt zu unterstützen und für ein möglich authentisches Umfeld einen Raum im Polizeipräsidium zur Verfügung zu stellen.
«Es geht darum, dieses Thema in der öffentlichen Diskussion zu halten», sagt Meyer. Die Sensibilität dafür dürfe nicht nach einem Fall wie Jessica auf die Spitze getrieben werden und dann wieder abflachen, fordert er.
Zuschauer wagten vor Betroffenheit kein Klatschen
Auch Hauptdarstellerin Svea Benzing hofft, mit dem Stück wach zu rütteln. «Es gibt all diese Kinder, und es ist wichtig, dass jeder selber mehr aufpasst und sagt, wenn ihm etwas auffällt», sagt sie. Die 15-Jährige, die in der Schule erste Erfahrungen im Schauspiel gesammelt hat und für die Rolle der Lilly Jessen auf der Straße entdeckt wurde, schafft es tatsächlich, die Zuschauer vergessen zu lassen, dass dieser Fall nur gespielt ist.
«Es ist so gut gelungen, die Theatersituation zu einer real wirkenden Verhörsituation zu machen, dass ich nach dem Stück kein Bedürfnis hatte, zu klatschen», erklärt Zuschauerin Anja Del Caro nachher. Tatsächlich rührte nach der Premiere zunächst keiner der rund 60 Zuschauer die Hände. Der Weg über die Kultur sei einmal ein anderer Kanal für ein Thema, das schon fast von einer medialen Übersättigung bedroht sei, lobt Del Caro. «Hier wurde nicht die filternde Sprache der Medien genutzt, sondern die Worte eines beteiligten Kindes.»
Das Stück zeige, dass Kindesmisshandlung nicht nur ein Thema in bestimmten Schichten sei, sondern überall vorkomme, sagt Hans Schernthaner. «Es zeigt, wie die Familie da reingerutscht ist und aus einem kleinen Fehler ein Drama wird.» Ein Stück wie dieses helfe bei der Aufklärungsarbeit, sagte Edith Florack. «Es zeigt, dass ich mich nicht immer nur drücken kann und sagen, ich habe von nichts gewusst.»
«Ermittlungen im Fall Lotta Jessen» ist noch in den nächsten drei Wochen im Hamburger Polizeipräsidium zu sehen. Und danach vielleicht in anderen deutschen Städten. Regisseurin Wilske sucht derzeit nach unterstützenden Theatern und steht in Kontakt mit Bühnen in Berlin, Bremen, Düsseldorf und Münster.
http://www.wilske.com/
(AP)
http://www.epochtimes.de/articles/2006/10/26/61606.html
