Unter den großen italienischen Filmemachern des vergangenen Jahrhunderts war Luchino Visconti die faszinierendste Gestalt: Ein eleganter Aristokrat aus altem Mailänder Geschlecht und zugleich ein Fürst des Kinos mit Klassikern wie «Ossessione» (1942), «Der Leopard» (1962) und «Der Tod in Venedig» (1971). Vor 100 Jahren - am 2. November 1906 - geboren, war Visconti nicht nur ein Wegbereiter des Neorealismus der Nachkriegsjahre, sondern auch Schöpfer der «deutschen Trilogie» in den Jahren zwischen 1968 und 1972.
Neben «Der Tod in Venedig» gehörten die Filme «Die Verdammten» (1969) und «Ludwig II» (1973) zu dieser Trilogie, deren überragender künstlerischer Rang erst lang nach ihrer Uraufführung in den Kinos erkannt und anerkannt wurde. Viscontis «Spektralanalyse der deutschen Kulturgeschichte» sind optisch von größter Schönheit, doch inhaltlich von Trauer und Pessimismus eines Mannes geprägt, der von sich sagte: «Ich gehöre zur Epoche von Thomas Mann, Marcel Proust und Gustav Mahler. Ich bin 1906 geboren, und die künstlerische, literarische und musikalische Welt, die mich umgeben hat, ist jene Welt. Kein Wunder, dass ich mich ihr verbunden fühle.»
Der Sohn eines Herzogs genoss in jungen Jahren eine umfassende Bildung, früh kam er mit all den Werken der europäischen Kunst und Kultur in Berührung. Finanziell zeitlebens völlig unabhängig, konnte der bekennende Homosexuelle ein ausschweifendes Leben führen. Mitte der dreißiger Jahre zog er nach Paris und kam dort mit dem berühmten Regisseur Jean Renoir zusammen, bei dessen 1936 gedrehten Film «Eine Landpartie» Visconti als Assistent und Kostümbildner mitarbeitete. Nach der Rückkehr in die Heimat gehörte der Aristokrat zu den Autoren einer Filmzeitschrift, in der sich die politische Opposition gegen das faschistische Regime in der Kritik an dessen Kulturpolitik äußern konnte. Bereits 1941 rechnete Visconti scharf mit dem Kino der Mussolini-Ära ab.
Zwei Jahre später schuf er mit seinem ersten Spielfilm «Ossessione...Von Liebe besessen» den ersten Film des Neorealismus, der zugleich eine neue Epoche der Filmgeschichte begründete. Basierend auf dem amerikanischen Kriminalroman «Wenn der Postmann zwei Mal klingelt» von James M. Cain entwickelt Visconti die Geschichte einer Leidenschaft, die in der melancholischen Landschaft der Po-Ebene mit Mord und Verzweiflung endet. Die Zensur verbot diesen kühnen naturalistischen Film, erst seit wenigen Jahren ist er unverstümmelt zu sehen. In seinem zweiten Film «Die Erde bebt» aus dem Jahr 1948 beschäftigt sich der Regisseur kritisch mit dem Kapitalismus. Visconti war zum Marxisten geworden, allerdings eher aus aristokratischer Verachtung der bürgerlich-materialistischen Gesellschaft.
Vermächtnisse einer untergegangenen Epoche
Der Filmemacher arbeitete nach 1945 immer wieder an Theatern und Opernbühnen. Er war es auch, der 1961 den damals noch ganz jungen Stars Romy Schneider und Alain Delon in dem Stück «Schade, dass sie eine Hure ist» in Paris zum gemeinsamen Bühnendebüt verhalf. Höhepunkte in Viscontis Arbeiten fürs Musiktheater waren die Inszenierungen mit Maria Callas, mit der ihn auch privat eine ganz besondere Beziehung verband. 1962 drehte der Italiener mit der Romanverfilmung «Der Leopard» seinen wohl bedeutendsten Film, der längst ein unvergänglicher Klassiker ist.
Bernd Kiefer schreibt dazu im bei Reclam erschienenen Buch «Filmregisseure», dieses Werk sei «eine Elegie über das Verschwinden der Schönheit und über den sozialen Tod einer Klasse, die ihren Bestand nur noch im Kompromiss wahren kann, während das Bürgertum kompromisslos die Hoffnungen des Volkes verrät». Es kann als großer Verlust für die Filmkunst gewertet werden, dass Visconti weder die Verfilmung von Thomas Manns «Der Zauberberg» noch die von Marcel Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» möglich war, beides Lieblingsprojekte des Regisseurs.
Seinen letzten Film «Die Unschuld», eine düster-schöne Dreieckstragödie, inszenierte der todkranke Künstler 1976 bereits im Rollstuhl. Am 17. März des gleichen Jahres starb er 69-jährig. Er hat unvergleichliche Meisterwerke der Filmkunst hinterlassen, die zugleich das Vermächtnis einer untergegangenen Epoche sind. Für die Gegenwart hatte der aristokratische Edelmarxist und große Ästhet am Ende nur noch Verachtung empfunden: «Wir leben in einer brutalen, sehr äußerlichen und oberflächlichen Welt.» Es war und ist nicht mehr die Welt des Luchino Visconti.
(AP)
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