Berlin – Vor einem zunehmend radikalen Antisemitismus haben Experten gewarnt. Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU-Berlin, Wolfgang Benz, sagte am Montag, die rechtsextremistische Szene wage sich in jüngster Zeit an immer eindeutigere Formulierungen. Er sprach auf der internationalen Konferenz „Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis“ in Berlin. Er sagte, die Inhalte und Methoden der Antisemiten seien zwar nicht neu, sie würden aber immer offener und offensiver propagiert.
Die Rechtsextremisten machten sich dabei eine weit verbreitete, indirekte Judenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft zu Nutze, erklärte Benz. Viele Menschen empfänden eine Abneigung gegen Juden, weil sie die Deutschen an ihre Verbrechen während des Nationalsozialismus erinnerten und sie daran hinderten, einen Schlussstrich zu ziehen, sagte Benz. Die Rechtsextremisten zielten auf diese Ermüdung vieler Menschen ab, die nichts mehr vom Holocaust hören wollten, und versprächen ihnen stattdessen eine Erlösung von Schuld und Scham.
Benz warnte außerdem von einer Trivialisierung des Holocaust durch eine zunehmende Verwendung und Zweckentfremdung des Begriffs. Wenn Tierschützer vom „Holocaust auf dem Teller“ oder Dresdner NPD-Abgeordnete vom „Bomben-Holocaust“ sprächen, führe dies zu einer Abnutzung des Begriffs und letztendlich zu einer Relativierung des Völkermords an den Juden, sagte Benz. Dies sei auch auf deutschen Schulhöfen zu beobachten. Der Historiker bezeichnete es als Besorgnis erregend, dass Schimpfwörter wie „Jude“ oder „Opfer“ bei Jugendlichen immer beliebter würden.
Benz appellierte außerdem an die Schulen, im Geschichtsunterricht keine Rücksicht auf muslimische Schüler zu nehmen. „Wenn sich Schüler weigern, am Unterricht teilzunehmen, weil der Holocaust Thema ist, ist das unter keinen Umständen hinzunehmen“, sagte der Historiker. Wie in jeder Zuwanderungsgesellschaft gebe es in Deutschland eine „Erinnerungskonkurrenz“. Trotz verschiedener Traditionen müsse jedoch ein gesellschaftlicher Konsens über die Verfassung und die Wahrung der Menschenrechte erreicht werden. „Dazu gehört, dass auch Schüler türkischer und arabischer Herkunft Kenntnis von bestimmten Fixpunkten deutscher Geschichte haben“, forderte Benz.
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(AP)
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