Eschenz – Bisher ist wenig bekannt über den Alltag in der gallo-römischen Provinz. Archäologische Ausgrabungen im thurgauischen Eschenz sollen jetzt Licht ins Dunkel bringen. Der immerfeuchte Boden der ehemaligen Strassen-Siedlung Tasgetium hat viele organische Hinterlassenschaften konserviert.
Durch den Vicus Tasgetium – am Abfluss des Bodensees – führte in der Antike eine Fernstrasse aus Osten Richtung Westen ins Rheinland im heutigen Deutschland. Die Siedlung, die nach bisherigen Erkenntnissen im ersten und zweiten Jahrhundert in ihrer Blüte stand, war aus Norden über eine massive Rheinbrücke erschlossen.
„Moorböden sind untypisch für römische Siedlungen und daher auch sehr seltene Fundstellen“, sagt Ausgrabungsleiterin Simone Benguerel. „In die dauernd nassen Schichten, wo die besten Voraussetzungen für die Konservierung von organischem Material herrschen, sind wir noch nicht vorgestossen. Aufgrund der bisherigen Funde sind unsere Erwartungen sehr hoch“, erklärte sie weiter.
Die Provinzler an der fünf Meter breiten Transitstrasse, die mit Kies gekoffert war, besassen wahrscheinlich keine Reichtümer, hatten aber ein gutes Auskommen als Töpfer, Gerber und Gewerbetreibende. Mehrheitlich bestand der Vicus aus Holzhäusern. Ihre Überreste sind zahlreicher und vor allem auch besser erhalten als jene der Steinhäuser. Für die Dorfbauten und die Herstellung von Arbeitsgeräten sind unterschiedliche Hölzer verwendet worden. Ausgegraben wurden Eiche, Weisstanne, Eibe, Ahorn, Buche, Hasel, Pappel und Weide.
Möglicherweise hatte man in Tasgetium auch Sinn für die schönen Seiten des Lebens und liess schon mal die Korken knallen. Jedenfalls wurden Zapfen aus Korkeiche gefunden. Ein weiteres Exotikum ist der gut erhaltene Zweig eines Granatapfelbaums. Wie die Flaschenverschlüsse und der Zweig des mediterranen Baumes vor fast 2.000 Jahren den Weg an den Bodensee fanden, ist noch ein Rätsel.
Mehr weiss man hingegen über die Essgewohnheiten der Gallo-Romanen im Strassendorf. Ausgegrabene Teile der Abwasserkanalisation und Fäkaliengruben lassen aufgrund organischer Rückstände auf eine mit Gemüse, Fleisch und Kirschen gedeckte Tafel schliessen. Die gefundenen Ablagerungen aus der Kanalisation seien noch nicht abschliessend untersucht worden. Anhand der bisherigen Ergebnisse könnten keine konkreten Aussagen über den Stand der Volksgesundheit in Tasgetium gemacht werden, sagt die Ausgrabungsleiterin. Dazu fehlten vor allem Skelette der Menschen aus dem Vicus. Auf einen Bestattungsplatz sei man noch nicht gestossen, gehe aber davon aus, dass einer existiere.
Noch unbekannt sind auch Grösse und Strukturen der Siedlung. 2002 wurden die Ausgrabungen intensiviert und seit drei Jahren gilt Eschenz wegen seiner Bodenbeschaffenheit als eigentliche Wundertüte für Funde organischer Stoffe aus der römischen Besiedlungszeit. In dieser Hinsicht habe der Bodenseeort gleiche Bedeutung wie das Legionslager Vindonissa bei Brugg (AG) und der Vicus Vitudurum in Oberwinterthur (ZH), sagt die Ausgrabungsleiterin. (AP)
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