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90. GEBURTSTAG

Artur Brauner plant weitere Filme über die NS-Zeit

AP
29.07.2008

Der Filmproduzent Artur Brauner. (AP Photo/Franka Bruns)

Berlin – Fast 90 Jahre und kein bisschen müde: Filmproduzent Artur Brauner hat in einem AP-Interview angekündigt, zwei weitere Filme über die NS-Verbrechen produzieren zu wollen. Zudem sprach Brauner, der 49 jüdische Verwandte in den Lagern der Nazis verlor und den Holocaust selbst nur knapp überlebte, über zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Seinen 90. Geburtstag am 1. August will der Filmmogul fernab von Berlin im Kreis der Familie feiern. Im Folgenden der Wortlaut des Interviews:

AP: Sie haben sehr viele Filme über die NS-Zeit produziert. Planen Sie weitere?

Brauner: Ja. Ich habe zwei Filme, die ganz nah an der Produktion sind. Der eine Film heißt „Ein Frühling, der nie kam“ mit Rolf Schübel als Regisseur. Die Hauptdarsteller werden Gudrun Landgrebe, Marie Bäumer und Kai Wiesinger, vielleicht auch Senta Berger sein. Er handelt von deutschen und jüdischen Kindern, die plötzlich von Freunden zu Feinden werden müssen und nicht wissen warum. Ein zweiter Film heißt „Der Chinese“. Der spielt im Ghetto Lodz in den Jahren 1940 bis 1942. Das ist eine Melodram über die Grausamkeiten des Nationalsozialismus. Da kann man lachen und weinen. Das ist kein leichter Stoff, man muss aufpassen auf jedes Wort, damit man nicht angeprangert wird. Ich setze viel Hoffnung in diesen Film, weil seine Art ähnlich ist wie bei den Oscar-Gewinnern „Jakob der Lügner und „Das Leben ist schön“ sowie beim rumänisch-französischen Film „Der Zug des Lebens“. Das sind drei Filme, die als Melodram wagten, das Thema zu berühren und alle erfolgreich waren. Mein Film wäre der vierte Film in dieser Reihe. Das wären dann 23 Filme, die ich über die Opfer des Nationalsozialismus gemacht habe. Mit diesem Konglomerat erwecke ich alle Opfer zum Leben.

AP: Ist es wichtig, dass auch künftig Filme über die NS-Zeit gedreht werden?

Brauner: Ja. Auch noch in 100 Jahren. Das muss immer erzählt werden.

AP: Spüren, Sie, dass sich die Stimmung in Deutschland gegen Juden verschlechtert?

Brauner: Es gibt in Deutschland 120.000 Juden und sechseinhalb Millionen Ausländer. Es gibt natürlich Choleriker, Rechtsextreme und Glatzköpfe, die einfach rebellieren müssen, die arbeitslos sind oder nicht arbeiten wollen. Die kann man nicht verändern. Gefährlicher ist eine Clique unter den Intellektuellen. Das ist ähnlich wie im Jahr 1930. Da habe ich Erfahrungen in der Hinsicht. Es gibt viele ganz starke Gruppen – unsichtbar – ,die viel zu sagen haben und auch viel bewirken. Und gegen die müsste man vorgehen. Die kann man aber nicht schlagen. Die sind nicht organisiert und trotzdem organisiert. Das gilt für Justiz, die Banken, die Versicherungen, die Juristen. Diese Leute sind in allen Schichten drin. Das sind nach außen biedere Bürger, normale Anwälte oder Geschäftsführer. Die Tendenz insgesamt ist rechtsgerichtet. Ein Gradmesser für die politische Situation in Deutschland sind meine Filme. Heute ignoriert das Publikum Filme über die NS-Zeit, wenn nicht wie bei „Schindlers Liste“ oder „Der Untergang“ ein deutscher Held oder eine deutsche Lichtgestalt vorkommen. Meine letzten Filme „Babij Jar“ oder „Der letzte Zug“ hatten dagegen nur 50.000 Zuschauer. Ich habe 16,7 Millionen Euro verloren, die ich in diese Filme über die NS-Zeit investiert habe. Bei den beiden nächsten Filmen werde ich wieder viel Geld verlieren. Aber ich gebe den Toten ein Gesicht. Das heißt, ich mache sie lebendig.

AP: Gehen die Deutschen zu sorglos mit ihrer Vergangenheit um?

Brauner: Ich finde, dass man in Deutschland weiterhin das Geschehen verdrängt. Das darf doch eigentlich nicht sein. Man muss das Geschehen annehmen. Es sind doch nicht Aliens Hitler gefolgt. Das waren normale Menschen aus allen Schichten. Man muss doch sagen, wir haben einen Fehler gemacht, das war das Schlimmste seitdem die Welt besteht. Man sollte doch das Geschehene teilweise wenigstens korrigieren. Aber das ist nicht der Fall. Das macht mich traurig. Das System hat sich verändert, das Regime auch, aber die Menschen haben sich wenig verändert. Die Mentalität ist geblieben.

AP: Haben Sie auch selbst Repressionen erlebt selbst, weil Sie Jude sind?

Brauner: Im Hintergrund spüre ich das ganz genau. Vordergründig nicht. Ich bekomme Hunderte von Brief von Filmfans, die mich loben. Keine Schmähbriefe. So gesehen lebe ich wie im Paradies. Aber mir wurde von einem sehr hochrangigen Politiker, mit dem wir gutstehen, gesagt: Lieber Herr Brauner, Sie setzen sich für die Opfer ein, das ist wunderbar, aber seien sie versichert, sie werden dann das Opfer werden. Ich merke das bei der Justiz, bei den Banken, beim Finanzamt, überall merke ich diese Klammer.

AP: Hintergrund sind Zwangsversteigerungen Ihrer Immobilien...

Brauner: Man versucht, mich zu ruinieren, auch das Haus wegzunehmen, alles. Ich muss das alles hinnehmen. Manchmal habe ich schlaflose Nächte und knirsche mit den Zähnen. Aber ich überlege mir immer, wie ich dagegen vorgehen kann. Das werde ich auch einmal festhalten in einem Buch, einer Art Schwarzbuch. Ich hoffe, dass ich noch meinen Kampf gewinnen werde. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Der Kampf spornt mich an.

AP: Wie halten Sie sich fit?

Brauner: Ich habe eine sehr, sehr gute Ehefrau, die für mich sorgt, dass ich länger am Leben bleibe. Sie sorgt sich um die Verpflegung, damit das Herz nicht verfettet. Es gibt keine fetten Speisen, keine fette Wurst oder Käse, keine Butter, keinen Zucker. Alles, was schädlich ist, gibt es bei uns nicht, nur mageres Fleisch, Margarine und Fisch, also alles, was einen Menschen länger am Leben erhält. Verpflegung ist eine ganz wichtige Angelegenheit. Die Arterien dürfen nicht verfetten. Zum Glück arbeitet auch noch das Gehirn. Ich habe noch 700 Telefonnummern im Kopf.

AP: Gehen Sie noch täglich ins Büro?

Brauner: Täglich, auch nächtlich. Ich habe viele Verabredungen und führe Telefonate. Am liebsten arbeite ich nachts. Ich fange um halb zehn Uhr abends an und arbeite bis halb drei. Ich bin ein Nachtmensch. Da kommen immer die guten Gedanken.

AP: Wie feiern Sie Ihren 90. Geburtstag?

Brauner: Ich verreise mit dem engsten Kreis der Familie, mit sechs bis sieben Personen, um am 1. August nicht hier zu sein. Meine Tochter Alice organisiert etwas im Geheimen, das soll am 13. September stattfinden.

(Die Fragen stellte Holger Mehlig) (AP)

 

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