Moskau – Der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist tot: Der 89-jährige Schriftsteller, der mit seinem literarischen Werk das unmenschliche System der sowjetischen Straflager demaskierte, erlag am Sonntagabend in seinem Haus bei Moskau einem Herzleiden. Politiker und Persönlichkeiten in aller Welt würdigten seine Lebensleistung.
Der letzte sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, der das von Solschenizyn als „menschlichen Fleischwolf“ bezeichnete Gulag-System abschaffte, sagte: „Er war einer der ersten, der laut über das inhumane stalinistische System und die Menschen sprach, die es erlitten, aber nicht gebrochen wurden.“ Das Leben des Schriftstellers sei wie das von Millionen seiner Landsleute und Zeitgenossen von schweren Prüfungen geprägt gewesen.
Der russische Präsident Dmitri Medwedew sprach der Familie sein Beileid aus. Sein Vorgänger, Ministerpräsident Wladimir Putin, sagte, Solschenizyn habe auf seinem „dornigen Lebensweg“ ein Beispiel „für echte Hingabe und selbstlosen Dienst für das Volk, Vaterland und den Idealen Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus“ gegeben. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, Solschenizyn habe mit seinem Lebenswerk Maßstäbe gesetzt.
„Schwieriges, aber glückliches Leben“
Solschnizyns Frau Natalja teilte mit, ihr Mann sei so gestorben, wie er gehofft habe zu sterben. „Er wollte im Sommer sterben – und er starb im Sommer“, sagte sie laut einer Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax. „Er wollte zu Hause sterben – und er starb zu Hause. Im großen Ganzen würde ich sagen, dass Alexander Issajewitsch ein schwieriges, aber glückliches Leben hatte.“
Solschenizyns Hauptwerk ist die 1973 erschienene Trilogie „Archipel Gulag“. In diesem literarisch-dokumentarischen Werk setzte er sich mit dem bis dahin geheimen System sowjetischer Gefangenenlager auseinander und machte die stalinistische Herrschaft begreifbar. Seine Schilderungen veränderten auch die Einstellung vieler westlicher Intellektueller zur Sowjetunion grundlegend.
Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk im Nordkaukasus geboren und zog als Kind mit seiner Mutter nach Rostow am Don, wo er nach dem Abitur an der Physikalischen und Mathematischen Fakultät studierte. Danach arbeitete er kurz als Physiklehrer und wurde 1941 zum Kriegsdienst eingezogen. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde er wegen abfälliger Bemerkungen über Stalin verhaftet. Er hatte den Machthaber in einem Brief als den „Mann mit dem Schnauzbart“ bezeichnet. Solschenizyn verbrachte danach mehrere Jahre in Straflagern.
Darüber berichtete er in den Romanen „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und „Krebsstation“ – wobei die tödliche Krankheit zur Metapher für das Sowjetsystem wurde, dass seinen Bürgern nur die Wahl lasse, Tyrann, Verräter oder Gefangener zu werden.
Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow ermögliche ihm eine kurze Phase literarischen Erfolgs in der Sowjetunion. Doch nach dessen Amtszeit fiel der Schriftsteller wieder in Ungnade. 1970 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Normalerweise ehrt die schwedische Akademie der Wissenschaften Schriftsteller erst nach Jahrzehnten des Schaffens. Solschenizyn durfte für die Auszeichnung nicht nach Stockholm reisen.
Exil in den USA
Solschenizyn schloss sich einer Gruppe von Bürgerrechtlern an, wurde 1974 verhaftet, ausgebürgert und nach Westdeutschland abgeschoben. Aufnahme fand er zunächst beim Schriftstellerkollegen Heinrich Böll. Später zog er in die Schweiz. 1976 verließ er die Schweiz und zog mit seiner Familie auf eine Farm nahe der Kleinstadt Cavendish im US-Staat Vermont.
Im Westen hatte Solschenizyn in den Folgejahren die Rolle des Mahners, Moralisten und Propheten, der in Vorträgen und Interviews immer wieder eindringlich vor zu großen Zugeständnissen an die Sowjetunion warnte. Sein moralischer Rigorismus, mit dem er auch die westlichen Demokratien kritisch bewertete, fand gleichermaßen Anklang und Ablehnung.
Anfang der 90er Jahre wurde er in Russland rehabilitiert und erhielt seine Bürgerrechte zurück. Mitte der 90er Jahre kehrte er unter großem Medieninteresse nach Russland zurück. Später äußerte er sich verärgert und enttäuscht darüber, dass die meisten seiner Landsleute seine Bücher nicht gelesen hatten. Solschenizyn blieb bis kurz vor seinem Tod ein kritischer Beobachter des neuen Russlands.
Zu den wichtigsten Büchern des verstobenen russischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträgers gehören:
- „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ (1962, verfilmt 1971)
- „Der erste Kreis der Hölle“ (1968, verfilmt 1973)
- „Krebsstation“ (1968)
- „August 14“ (1971)
- „Der Archipel Gulag“ (Trilogie: 1973, 1974, 1976)
- „Die Eiche und das Kalb“ (Autobiografie, deutsch 1975)
- „Drei Reden an die Amerikaner“ (1975)
- „Ostpreußische Nächte“ (1976)
- „Warnung/Die tödliche Gefahr des Kommunismus“ (1980)
- „Russlands Weg aus der Krise. Ein Manifest“ (1990)
- „Fortschritt um jeden Preis“ (1994)
- „Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts“ (1994)
- „Heldenleben“ (1995)
- „Russland im Absturz“ (1998)
- „Zweihundert Jahre gemeinsam“ (2001/02) (AP)
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