Frankfurt/Main – In vielen deutschen Vorgärten wird der Platz knapp. Neben mehreren Tonnen der städtischen Müllabfuhr stehen dort immer öfter auch Behälter privater Entsorger. Objekt der Begierde ist das Altpapier. Dank hoher Nachfrage und der zeitweise deutlich gestiegenen Preise lässt sich mit alten Zeitungen, ausgelesenen Zeitschriften und ausrangierten Pappkartons mittlerweile gutes Geld verdienen. Doch der Wettbewerb läuft nicht überall glatt – und mancherorts nimmt er sogar recht skurrile Züge an.
Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht entschied im Januar, dass auch private Unternehmen Altpapier sammeln dürfen. In Lüneburg verteilte daraufhin das Unternehmen Remondis flugs erste Behälter und kam damit der kommunalen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (GfA) zuvor. Eine Anzeigen-Kampagne für die GfA-Tonne mit dem Motto „Es kann nur eine geben“ wurde von den Remondis-Anwälten gestoppt. Später warfen sich Remondis und GfA sogar gegenseitig vor, Papier aus den Tonnen der Konkurrenten gestohlen zu haben, wie lokale Medien berichteten.
In Lübeck buhlten zeitweise gleich fünf Entsorger um das Altpapier der Privathaushalte. Hausbesitzer erhielten die Tonnen kostenlos, aber ungefragt vor die Haustür gestellt – mit der Folge, dass findige Lübecker den einen oder anderen überflüssigen Behälter einfach zu Regentonnen für den Garten umfunktionierten. Und auch andernorts kämpfen privaten und kommunale Entsorger mit harten Bandagen ums Altpapier.
Bis zu 100 Euro pro Tonne Altpapier
Viele Papierfabriken haben ihre Produktion in den vergangenen Jahren von Zellstoff auf Altpapier umgestellt – nicht nur weil der Rohstoff günstiger ist, sondern auch weil für die Produktion wesentlich weniger Wasser und Energie benötigt werden.
Knapp 16 Millionen Tonnen Altpapier wurden nach Angaben der Branche für die rund 23 Millionen Tonnen Papier, Pappe und Karton verwendet, die 2007 in Deutschland hergestellt wurden – kein anderes Land in der Welt hat eine höher Altpapierquote.
Und wie bei anderen Rohstoffen sind in den vergangenen Jahren auch die Preise für Altpapier deutlich gestiegen. Zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 schnellte der Preis für eine Tonne gemischtes Altpapier sogar auf 100 Euro in die Höhe.
Kommunen befürchten höhere Müllgebühren
„Private Entsorger haben sich über Jahre hinweg nicht um Altpapier gekümmert“, sagt Hans Schaidinger, Oberbürgermeister von Regensburg und Vorsitzender des Bayerischen Städtetags. Erst als die Preise angezogen hätten, sei Altpapier zum begehrten Gut geworden. „Wenn es ein begehrter Wertstoff ist, picken sich die Privaten die Rosinen raus“, kritisierte er. Sobald die Preise fielen, würden sich die privaten Unternehmen wieder zurückziehen, und die kommunalen Entsorger müssten die Lücken füllen.
Schaidinger befürchtet, dass am Ende die Verbraucher die Zeche zahlen. Schließlich seien die Erlöse für Wertstoffe wie Altpapier fester Bestandteil der Gebührenkalkulation kommunaler Entsorger. Fehlten diese Einnahmen, drohten den Bürgern höhere Müllgebühren.
„Entwicklung wird sich begradigen“
„Mich wundert, dass die Müllgebühren nicht zurückgegangen sind, als die Altpapierpreise nach oben gegangen sind“, hält Jörg Lacher vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) dagegen. Viele Kommunen hätten die Tonne für das Altpapier einfach nicht gewollt und über Jahre hinweg versäumt, sich um eine effiziente Altpapiersammlung zu bemühen.
Von einem „Altpapierkrieg“ will Lacher allerdings nichts wissen. Nur in Einzelfällen seien Privatanbieter offen in Konkurrenz zu öffentlichen Anbietern getreten. Bisweilen seien auch zwei oder drei Unternehmer auf die gleiche Idee gekommen und hätten eigene Altpapiertonnen an Privathaushalte geliefert. „Aber diese Entwicklung wird sich begradigen. Kein Unternehmen hat Interesse an einem völlig zerstückelten Sammelgebiet. Das rechnet sich nicht“, sagt Lacher.
Rufe nach dem Bundesgesetzgeber
In Hamburg erzielten die Kommunen kürzlich einen ersten Erfolg. Das Oberverwaltungsgericht untersagte Anfang Juli Remondis das Aufstellen seiner blauen Altpapiertonnen. Das Abfallrecht verpflichte die privaten Haushalte, ihren Abfall in der Regel den öffentlich-rechtlichen Entsorgern in Hamburg also der Stadtreinigung – zu überlassen, erklärten die Richter. Gleichwohl ist das Urteil wegen des speziellen Rücknahmesystems in Hamburg nicht auf andere Kommunen übertragbar.
Wegen der allgemeinen Rechtsunsicherheit hofft der bayerische Städtetag darauf, dass nun der Bundesgesetzgeber „der Rosinenpickerei durch Private“ einen Riegel vorschiebt. „Wir bauen auf die Unterstützung des Freistaats im Bundesrat“, sagt Schaidinger.
Möglicherweise löst sich das Problem zu einem großen Teil aber auch von selbst. Der massive Preisanstieg zum Jahreswechsel ist mittlerweile „dramatisch korrigiert“, wie bvse-Sprecher Lacher sagt. Die Preise bewegten sich derzeit je nach Region und Dauer des Lieferkontrakts nur noch zwischen zwischen 40 und 80 Euro pro Tonne. (AP)
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