Potsdam – Ob der Pergamonaltar in Berlin, das Grüne Gewölbe und Raffaels „Sixtinische Madonna“ in Dresden oder die Bildergalerie von Sanssouci in Potsdam: Hunderttausende Besucher bewundern diese Kunstwerke von Weltrang Jahr für Jahr. Kaum bekannt aber ist, dass wie insgesamt 2,5 Millionen Kunstobjekte auch diese berühmten Werke nach Ende des Zweiten Weltkrieges von Soldaten der Roten Armee zunächst in die Sowjetunion gebracht wurden. Erst zwischen 1955 und 1958 wurden sie an die DDR zurückgegeben.
1958 schickte die Sowjetunion innerhalb weniger Monate 1,5 Millionen Kunstwerke deutscher Herkunft an 28 Museen vorwiegend im Ostteil Deutschlands zurück. „Die Rückgabe war damals ein Zeichen, um die DDR als Staat aufzuwerten“, sagt der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz , SPK, Hermann Parzinger. „Aber es war nur 13 Jahre nach Kriegsende auch ein erstaunlicher Akt der Versöhnung.“ Mit einer Ausstellung in der Bildergalerie von Sanssouci in Potsdam will die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten nach 50 Jahren an diese öffentlich weitgehend vergessene Rückgabeaktion erinnern.
Auf kleinen Displays sind die Gemälde gekennzeichnet, die damals in das älteste deutsche Galeriegebäude neben Schloss Sanssouci zurückkehrten. Zuvor hatte die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vom preußischen König Friedrich II. zusammengetragene Sammlung Alter Meister wie geplündert gewirkt. Zunächst wurden 1942 zum Schutz vor Bomben 320 der Gemälde ins Schloss Rheinsberg ausgelagert. Bei einer Inventur 1946 stellten die Schlösserverwalter fest, dass nur noch 17 davon vorhanden waren.
500 Gemälde kehrten nach Potsdam zurück
Bei der Aktion 1958 kehrten dann 34 Gemälde aus der königlichen Gemäldegalerie zurück, insgesamt gab die Sowjetunion damals sogar 500 Gemälde an die Potsdamer Schlösser zurück. „Das hat damals die preußischen Schlösser in ihren Rang als Schatzkammer zurück versetzt“, schätzt der Direktor der Abteilung Schlösser und Sammlungen, Burkhard Göres, ein. Die neue kleine Ausstellung in der Galerie von Sanssouci zeigt aber auch, wie viel noch immer fehlt – und wie der Verlust den Charakter der Sammlung veränderte. Denn die Lücken wurden notgedrungen mit anderen Bildern gefüllt.
„Die Stiftung vermisst nach wie vor mehr als 3.000 Gemälde insgesamt und 99 aus der königlichen Sammlung“, sagt Göres. Darunter sind so bekannte Werke wie „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio (um 1595) oder „Tarquinius und Lucretia“ von Peter Paul Rubens. Das auf 80 Millionen Euro Wert geschätzte Gemälde von 1610/11 tauchte vor fünf Jahren in Moskauer Privatbesitz auf. Doch die preußischen Nachlassverwalter warten bisher vergebens auf die Rückkehr des Kunstschatzes. Zurzeit hängt er in der Eremitage St. Petersburg.
Nach 1958 gab es keine weitere Rückgabewelle. Trotz Verhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung nach der Wiedervereinigung erließ das russische Parlament 1998 ein Gesetz, mit dem die Beutekunst zum russischen Eigentum erklärt wurde. Ausgenommen sind nur Kirchenschätze, weshalb etwa vor einigen Jahren die Marienfenster von Frankfurt (Oder) zurückkehren konnten. Vor drei Jahren starteten deutsche Wissenschaftler deshalb den deutsch-russischen Museumsdialog.
Interessen der Museen bündeln
„Damit wollen wir die Interessen der betroffenen Museen bündeln und gegenüber der russischen Seite mit einer Stimme sprechen“, sagt SPK-Präsident Parzinger, der auch Sprecher der Initiative ist. Nachdem die Verhandlungen zur Beutekunst auf politischer Ebene ins Stocken geraten sind, wollen die Museen zumindest Kontakte auf fachlicher Ebene fördern.
Dabei solle aber nicht ausgeblendet werden, dass die nach dem Haager Abkommen von 1908 verbotene Verschleppung der Kunstwerke aus Deutschland auch eine Reaktion auf die vorherigen Plünderungen deutscher Soldaten in sowjetischen Museen gewesen sei, erklärt Parzinger.
Der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), Hartmut Dorgerloh, erhofft sich auch neue Erkenntnisse über verschollene Kunstwerke. „Unser vordringliches Interesse ist: Was existiert noch – wo und in welchem Zustand“, sagt er. Experten fürchten, dass viele Kunstwerke vor 63 Jahren als Privattrophäen von Soldaten mitgenommen wurden und deshalb unter schlechten Bedingungen in irgendwelchen Kammern lagern. „Das macht uns natürlich Sorge“, klagt Dorgerloh und verweist auf „Tarquinius und Lucretia“.
Das Rubens-Gemälde schnitt ein sowjetischer Major 1945 in Rheinsberg aus dem Rahmen, faltete es auf Koffergröße und schmuggelte es nach Hause. Mehr als fünf Jahrzehnte lag es seiner Tochter zufolge auf dem Hängeboden, bevor es 1999 verkauft wurde. Der heutige Besitzer erwarb es für 3,5 Millionen Dollar und ließ es immerhin fachgerecht restaurieren. Weil ein Moskauer Gericht dem russischen Antiquitätenhändler aber sein Eigentum am Bild bestätigte, bleibt es in seinem Besitz. Einen angebotenen Rückkauf für 60 Millionen Euro lehnte die Preußen-Stiftung ab. (AP)
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