Düsseldorf – Die Preise für Mineralöl und Getreide sind weltweit ins Rutschen geraten. Doch an der Tankstelle und beim Brötchenkauf merkt der Verbraucher bisher nur wenig davon. Die erhoffte Talfahrt der Preise verläuft – wenn überhaupt – im Zeitlupentempo. Tatsächlich ist es für eine Entwarnung noch viel zu früh. Bei vielen Produkten drohen in den nächsten Monaten sogar weitere Verteuerungen.
Gute Nachrichten für Verbraucher gibt es vor allem von den Rohstoffmärkten. Der Mineralölpreis ist seit seinem Höchststand von mehr als 147 Dollar je Barrel Mitte Juli um fast 25 Prozent gefallen. Und der Weltmarktpreis für Weizen sank dank guter Ernten von zeitweise 290 Euro wieder auf unter 200 Euro je Tonne. Doch warum merkt der Verbraucher davon so wenig?
Euro-Schwäche dämpft Effekt des Ölpreisverfalls
Beispiel Benzin: Während der Mineralölpreis um fast ein Viertel zurückging, sank der Preis für Superbenzin nicht einmal um zehn Prozent. Vor allem zwei Gründe macht die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes, Barbara Meyer-Bukow, für dieses Ungleichgewicht verantwortlich. Zum einen machte das Wiedererstarken des Dollar gegenüber dem Euro einen Teil der Preissenkungen zunichte. Schließlich wird Erdöl in Dollar abgerechnet. Zum anderen machen die Rohstoffkosten nur einen Bruchteil des Benzinpreises an der Tankstelle aus. Mehr als 60 Prozent des Preises entfallen allein auf Steuern und Abgaben.
Noch ernüchternder ist das Bild beim Weizen. Zwar haben gute Ernten zu einem Rückgang bei den Weizenpreisen geführt. Doch auf Preissenkungen in der Bäckerei dürften die Verbraucher in den meisten Fällen bislang vergeblich gewartet haben. „Bei Brötchen spielen die Rohstoffkosten nur eine sehr geringe Rolle. Sie machen weniger als 10 Prozent des Preises aus“, erklärt Martin Schraa, Getreideexperte der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle ZMP. Wichtiger seien die Energiekosten, aber auch Transportkosten und Löhne. Und da geht es halt teilweise immer noch aufwärts.
Gaspreise steigen wie noch nie
Das ist enttäuschend für die Verbraucher. Doch es kommt noch schlimmer. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass sich die Preisschraube in vielen Bereichen auch in den nächsten Monaten noch weiter drehen wird.
Die Gaskunden bekommen dies schon zu spüren. Bereits zum 1. September werden nach einer Marktübersicht des Verbraucherportals toptarif.de mehr als 110 Energieversorger ihre Preise erhöhen, teilweise um mehr als 20 Prozent. Noch nie seien die Gaspreise in Deutschland so stark gestiegen wie in diesem Sommer, urteilen die Tarifexperten.
Der Hintergrund: Die Gaspreise sind an die Mineralölpreise gekoppelt – mit einer Verzögerung von rund sechs Monaten. Die Preisexplosion auf dem Mineralölmarkt in der ersten Jahreshälfte erreicht also erst jetzt die Gaskunden. Schon sind für November die nächsten Preiserhöhungen angekündigt.
Preisschub im Großhandel
Doch auch im Einzelhandel stehen die Signale weiter auf Preiserhöhungen. Im Juli registrierte das Statistische Bundesamt in Deutschland den stärksten Anstieg der Großhandelspreise seit fast 27 Jahren. Der Index legte im Vergleich zum Vorjahresmonat um 9,9 Prozent zu. Ein Warnsignal, dass einen weiteren Preisschub im Einzelhandel befürchten lässt. Dies gilt umso mehr, da in den vergangenen Wochen zahlreiche Markenartikelhersteller wie Henkel (Persil, Pritt, Fa) oder Beiersdorf (Nivea, tesa) Verteuerungen ankündigten.
Außerdem sind längst nicht alle Rohstoffe billiger geworden. Deutschlands größter Stahlproduzent ThyssenKrupp etwa betonte erst in der vergangenen Woche: „Die Nachfrage nach Stahlprodukten entwickelt sich weiterhin sehr erfreulich, was sich auch in weiter steigenden Preisen äußert.“ Der Stahlriese beliefert nicht zuletzt die Autoindustrie.
Entwarnung an der Preisfront? Darauf werden die Bundesbürger wohl noch einige Zeit warten müssen. (AP)
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