Frankfurt/Main – Auf der Suche nach Wegen aus der deutschen Bildungsmisere hat Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Reise durch zehn Bundesländer gestartet. Erste Station war am Donnerstag der Besuch eines evangelischen Kindergartens in Frankfurt am Main. Merkel will sich vor dem geplanten nationalen Bildungsgipfel im Oktober über Probleme und Herausforderungen im deutschen Bildungssystem informieren.
„Wir brauchen eine möglichst individuelle Förderung“, sagte die CDU-Politikerin nach dem Besuch der Kindertagesstätte. Weder der Kindergarten noch der Staat könnten die Probleme im Bildungsbereich alleine lösen: „Die Eltern müssen miteinbezogen werden.“ Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) nahm Merkels Bildungsreise vor Kritik in Schutz.
Bildung sei ein zentrales Thema für die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland, sagte Koch. Daher sei es richtig, dass sich die Bundeskanzlerin mit diesem Thema befasse. Davon bleibe die Zuständigkeit der Länder für die Bildungspolitik unberührt. Merkels Bildungsreise sei „ein wichtiges Signal für Deutschland“.
Insgesamt besucht die Kanzlerin bis zum 9. Oktober zwölf Einrichtungen, darunter Schulen und Hochschulen, Ausbildungsbetriebe und Weiterbildungszentren. Die fraglichen Einrichtungen zeichnen sich durch besonders innovative pädagogische Ansätze aus und könnten als Vorbilder für die Reform des Bildungssystems dienen. Der Bildungsgipfel soll am 22. Oktober in Dresden stattfinden.
Merkel hatte im Juni stärkere Anstrengungen in diesem Bereich gefordert. Das Land müsse zur „Bildungrepublik Deutschland“ werden. Vertreter von SPD, Grünen und Linken kritisierten die Bildungsreise der Kanzlerin.
Die nordrhein-westfälische SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft sagte im Rundfunksender WDR 5, Merkel beschäftige sich mit Themen, für die sie nicht zuständig sei. Zudem besuche die Kanzlerin teils preisgekrönte „Vorzeigeeinrichtungen“. So könne kein realistisches Bild von der Bildungssituation in Deutschland entstehen.
„Königin ohne Land“
Auch die Linke im Bundestag kritisierte, Merkel wolle sich offenbar nicht mit den Schattenseiten des Bildungswesens auseinandersetzen. „Es ist nutzloser Aktionismus, sich auf Bildungsreise zu begeben, wenn der politische Wille fehlt, an den Missständen ernsthaft etwas verändern zu wollen“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Nele Hirsch.
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte, Merkel habe die Bildung zur Chefsache erklärt, nachdem ihre Regierungskoalition mit der Föderalismusreform dem Bund faktisch alle Handlungsmöglichkeiten in der Bildungspolitik geraubt habe: „Frau Merkel kann zwar reisen, aber nichts bewegen.“ Die Grünen im Bundestag bezeichneten Merkel als „Königin ohne Land auf Bildungsreise“.
Die von Merkel besuchte Kindertagesstätte in Frankfurt zeichnet sich durch einen Migrantenanteil von rund 70 Prozent aus. Um den Kindern einen guten Start auf ihrem Bildungsweg zu sichern, nimmt der Kindergarten am hessischen Kindersprachscreening (KiSS) teil. Dabei wird bei allen vierjährigen Kindern der Stand der sprachlichen Entwicklung erhoben, um Defizite in der Sprachentwicklung rechtzeitig vor Beginn der Schule beseitigen zu können. Das von Forschern der Uni Frankfurt entwickelte Verfahren ist nach Angaben der hessischen Landesregierung bundesweit einmalig. (AP)
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