Bayreuth – Wenn sich am späten Donnerstagabend im Festspielhaus auf Bayreuths Grünem Hügel der Vorhang schließt, endet eine schon jetzt legendäre Ära. Denn die Aufführung von „Parsifal“ ist nicht nur die letzte Vorstellung der diesjährigen Richard-Wagner-Festspiele, sondern auch die letzte unter der Festspielleitung des fast 89-jährigen Wolfgang Wagner, der nach 57 Jahren im Amt nun endlich den Weg frei machen will und muss.
Mit Wagner verlässt nach einer beispiellosen künstlerischen und geschäftlichen Karriere die letzte große Gestalt des Wiederaufstiegs nach 1945 die Bühne. Ob der vom Alter gebeugte weißhaarige Enkel des genialen Musikdramatikers zum Abschied noch einmal vor den riesigen Vorhang des Festspielhauses treten wird, ist ungewiss. Doch wenn er gesundheitlich und emotional dazu in der Lage sein sollte, wird ihm das Publikum mit Ovationen danken und seine Lebensleistung würdigen.
Auf die Nachfolgeregelung hat er vor seiner Rücktrittserklärung im April dieses Jahres Einfluss genommen. Sein Anwalt hatte erklärt, der Rücktritt erfolge im festen Vertrauen darauf, dass der Stiftungsrat für seine Töchter entscheide.
Nach dem überraschenden Schachzug der verhassten Nichte Nike, Tochter seines früh verstorbenen Bruders Wieland, ist plötzlich noch nicht einmal mehr sicher, ob Tochter Katharina aus zweiter Ehe zusammen mit Tochter Eva aus erster Ehe zumindest die Festspielleitung übertragen bekommt. Denn mit dem renommierten belgischen Intendanten Gérard Mortier hat Nike Wagner einen hochkarätigen Mitbewerber an ihre Seite gebracht. Theoretisch könnte Wolfgang Wagner in letzter Sekunde vor der entscheidenden Sitzung des Stiftungsrates am Montag noch einen Rücktritt vom schon schriftlich zugesicherten Rücktritt zum 31. August machen.
Kommerziell und künstlerisch beeindruckende Bilanzen
Doch das würde von fast allen Mitgliedern des Stiftungsrates als ungeheurer Affront empfunden und die Chancen von Wolfgangs erst 30-jähriger Wunschmaid Katharina senken, künftig das Geschehen auf dem Grünen Hügel mitzubestimmen. Ihr Vater ist keineswegs schuldlos an diesem historischen Machtverlust für die weit verzweigte Wagner-Sippe: Zu lange und zu starrsinnig hat sich Wolfgang Wagner gegen den vom Stiftungsrat schon vor Jahren beschlossenen, doch von ihm vereitelten Leitungswechsel an die inzwischen 63-jährige Tochter Eva Wagner-Pasquier gewehrt, sicherlich auch unter dem Einfluss der letztes Jahr überraschend verstorbenen zweiten Ehefrau Gudrun.
Doch all das ändert nichts an der unvergleichlichen Lebensleistung des Bayreuther Patriarchen. Zusammen mit dem älteren, 1966 verstorbenen Bruder Wieland hatte er 1951 gegen viele Widerstände die von seinem Großvater ins Leben gerufenen Festspiele aus dem Koma erweckt. In dieses Koma war die alljährliche Feier der Werke von Richard Wagner durch die unselige Verknüpfung mit der Nazi-Diktatur und dem Wagner-Verehrer Hitler nach 1945 versunken.
Erst 32 Jahre alt war Wolfgang Wagner, als der Vorhang im Festspielhaus wieder aufging. In den folgenden 57 Jahren führte der kaufmännisch sehr beschlagene, auf sein Vertragsgeschick so stolze Mann die Festspiele nicht nur in kommerziell glänzende Zeiten mit alljährlich völlig ausverkauften Vorstellungen: Er kann künstlerisch auch zwölf eigene Inszenierungen von Wagner-Werken mit fast 450 Aufführungen vorweisen. Mehr als 1.200 Abende im Festspielhaus standen unter der Oberleitung Wolfgang Wagners, – am Donnerstag endet wahrlich eine Ära. (AP)
Was sind das für grüne Links?
Versicherung
Telefontarife



