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Vor der Entscheidung

Drei Wagner-Frauen und 24 Stimmen

Festspiel-Stiftungsrat am Montag vor schwieriger Entscheidung – Viel hängt von Eva Wagner-Pasquier ab

Wolfgang Hübner
AP
29.08.2008

Günther Beckstein beschenkt Wolfgang Wagner, den Enkel Richard Wagners auf der Bayreuther Festspielbühne. (AP Photo/Eckehard Schulz)

Bayreuth – Am ersten Septembertag herrscht immer Schwermut in Bayreuth. Denn dann liegt das Ende der alljährlichen Richard-Wagner-Festspiele drei Tage zurück, der damit verbundene Glanz, Glamour und der illustre Besucherstrom aus aller Welt ist dem Alltag einer oberfränkischen Provinzstadt gewichen. Doch in diesem Jahr ist der 1. September noch spannender als der Eröffnungstag der Festspiele am 25. Juli mit der Neuinszenierung von „Parsifal“: Denn am Montag tritt der Stiftungsrat der Festspiele zur voraussichtlich entscheidenden Sitzung über die Zukunft der weltberühmten Institution zusammen.

So viel steht bereits fest: Die Mitglieder des Stiftungsrats aus Vertretern der zerstrittenen Wagner-Abkömmlinge, des Bundes, des Freistaats Bayern, der Stadt Bayreuth und anderen Institutionen und Verbänden stehen vor einer heiklen Aufgabe. Denn gleich drei Wagner-Frauen streiten erbittert um die Nachfolge des scheidenden hochbetagten Festspielleiters Wolfgang Wagner: auf der einen Seite dessen 63-jährige Tochter Eva Wagner-Pasquier aus erster Ehe und die mit ihr seit Frühjahr verbündete 30-jährige Katharina Wagner aus zweiter Ehe, auf der anderen Seite Nike Wagner, die 63-jährige Tochter von Wolfgang Wagners Bruder Wieland. Dieser hatte bis zu seinem Tod im Jahr 1966 die Festspiele zusammen mit dem jüngeren Wolfgang geleitet.

Deutete bis vor einer Woche noch alles auf die Nachfolgelösung mit dem Duo der Halbschwestern Eva und Katharina hin, so hat der Schachzug von Nike, zusammen mit dem international renommierten belgischen Intendanten Gérard Mortier ein Bewerbungskonzept einzureichen, eine völlig neue Situation geschaffen. Besonders brisant dabei ist das Angebot Nikes an die gleichaltrige Cousine Eva, doch wieder zu ihr ins Boot zurückzukehren. Denn eigentlich hatten die beiden Frauen Wolfgang Wagners Favoritin Katharina die künftige Macht im Festspielhaus gemeinsam streitig machen wollen.

Es muss keine innerfamiliäre Lösung geben

Doch Evas immer noch geheimnisumwitterter Seitenwechsel im Frühjahr ließ die sensibel-intellektuelle, aber kämpferische Nike plötzlich chancenlos erscheinen. Nun ist der am 2. Mai 1973 unterzeichnete Stiftungsvertrag für die Mitglieder des Stiftungsrates, der mit unterschiedlicher Verteilung insgesamt 24 Stimmen hat, Basis seiner Entscheidungsfindung. Zwar besitzt die Wagner-Familie nur vier Stimmen. Wenn sich allerdings drei davon für die Nachfolge bei der Festspielleitung auf einen Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatur aus den Reihen der Nachkömmlinge des Leipziger Genies einigen, dann hat dieses Votum besonderes Gewicht.

Bislang ungewiss ist, ob es zu einem solchen Votum gekommen ist. Denn die vier Stämme sind sich keineswegs einig. Doch selbst wenn sie diese Einigung erzielt haben sollten: Zweifelt die Mehrheit der Stimmen im Stiftungsrat daran, dass Familienmitglieder für den Posten des Festspielleiters besser geeignet sind als außerfamiliäre Bewerber, muss laut Paragraf 8 (3) des Stifungsvertrages „die Entscheidung einer dreiköpfigen Sachverständigenkommission“ eingeholt werden. Diese würde sich aus den gegenwärtigen Intendanten der Opernhäuser in Berlin, München und Wien zusammensetzen.

Zwar hat sich kein eigenständiger außerfamiliärer Bewerber gemeldet. Doch Nike Wagners neuer Partner Gérard Mortier kann mit seinen herausragenden Qualifikationen und seinem internationalen Ansehen deutlich mehr aufweisen als die umstrittene Jungregisseurin Katharina mit den Wagner-Genen. Allgemeines Ansehen genießt die ehemalige Wunschkandidatin des Stiftungsrates, die erfahrene Opernmanagerin Eva Wagner-Pasquier. Sollte sie in letzter Minute doch noch dem Lockruf von Cousine Nike folgen, könnten Wolfgang Wagner, der die ältere Tochter lange Jahre verstoßen hatte, und seine Wuschmaid Katharina am Ende gar mit leeren Händen dastehen. Der Stiftungsrat ist um seine Entscheidungsbefugnis nicht zu beneiden. (AP)

 

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