Lahore – Saira Liaqat blinzelt mit ihrem guten Auge, während sie das Haar einer Kundin bürstet. Manchmal erhellt ein Lächeln ihr von Säure zerfressenes Gesicht. Ihre weitgehend unversehrten Hände bearbeiten in dem bekannten Schönheitssalon in der pakistanischen Stadt Lahore gekonnt die dunkelbraunen Locken der Kundin. Ihre Kollegin Urooj Akbar behandelt derweil die Fingernägel einer anderen Frau. Akbar ist gezeichnet von Verbrennungen, deren Narben 70 Prozent ihres Körpers bedecken.
Die beiden jungen Frauen zählen zu den vielen weiblichen Opfern von Brand- und Säureanschlägen in Pakistan. Die Täter sind meistens Ehemänner oder abgewiesene Liebhaber. Überlebende Opfer fristen ihr Dasein häufig in Isolation und Verzweiflung. Liaqat und Akbar wurden stattdessen Kosmetikerinnen. In dem Schönheitssalon können sie den Spiegeln und den Bildern mit glamourösen Models an den Wänden nicht entgehen, aber sie fühlen sich dort zu Hause und verdienen ihren Lebensunterhalt.
„Jeder Mensch möchte schön sein“, sagt die 21-jährige Liaqat. „Aber meiner Ansicht nach ist das Gesicht nicht alles. Wahre Schönheit liegt in einem Menschen, nicht außen.“ Und die 28-jährige Akbar meint, die Kundinnen kämen in den Salon, weil die Welt gutes Aussehen von ihnen erwarte. „Für sie ist es eine Notwendigkeit. Für mich nicht.“
Liaqat und Akbar verdanken ihren neuen Job der Stiftung Depilex Smileagain, einer Organisation, die Säure- und Brandopfern hilft. Die Leiterin der in Pakistan populären Kosmetiksalonkette Depilex, Masarrat Misbah, wurde vor fünf Jahren nach der Arbeit von einer tief verschleierten Frau angesprochen und eindringlich um Hilfe gebeten. Und bald wusste Misbah warum: Als die Frau ihren Schleier ablegte, „sah ich ein Mädchen ohne Gesicht“. Ihr Mann habe sie mit Säure überschüttet, sagte sie.
Misbah gab eine kleine Zeitungsannonce auf, um herauszufinden, ob noch mehr Frauen Unterstützung benötigten. Es meldeten sich 42 Betroffene. Misbah setzte sich dann mit Smileagain in Verbindung, einer italienischen Hilfsorganisation, die Brandopfern in anderen Ländern medizinische Versorgung bietet. Sie bat pakistanische Ärzte um Hilfe. Und sie sammelte Geld für ein eigenes Krankenhaus und Schutzzentrum für die Opfer. 240 Betroffene haben sich bei der Organisation registrieren lassen, 83 von ihnen befinden sich in Behandlung.
Opfer müssen rund 30 Mal operiert werden
Nach Zahlen der pakistanischen Menschenrechtskommission wurden 2007 mindestens 33 Frauen Opfer von Säureanschlägen, 45 wurden in Brand gesteckt. Die tatsächlichen Zahlen liegen vermutlich höher, da längst nicht alle Taten gemeldet werden. Die meisten Frauen, denen Misbah hilft, brauchen über mehrere Jahre verteilt 25 bis 30 Operationen. Doch sie merkte, dass das nicht ausreichte. Vor allem diejenigen, die von ihrer Familie verstoßen wurden, mussten Geld verdienen. Zu ihrer Überraschung sagten mehrere Frauen, dass sie gerne Kosmetikerin wären. „Mich hat das bekümmert. Denn Schönheit dreht sich immer um das Gesicht und die Haut.“
Aber mit ihrer Hilfe belegten zehn Frauen im vergangenen Jahr in Italien einen Kosmetikkurs. Für einige erwies sich die Arbeit wegen mangelnder Sehfähigkeit oder stark verbrannter Hände als zu schwierig, aber Liaqat und Akbar und einige andere kommen gut zurecht. In dem Salon in Lahore hängen Bilder von perfekt geschminkten Models mit prächtigen Frisuren – aber auch ein großes Poster mit dem Foto eines Mädchens, dessen halbes Gesicht zerstört ist. „Helfen Sie uns, wieder ein Lächeln in das Gesicht dieser Überlebenden zu bringen“, ist zu lesen. Liaqat und Akbar sagen, sie würden von Kundinnen und Kolleginnen gut behandelt. Misbah erklärt jedoch, einige Kundinnen hätten sich beschwert. Sie wollten sich in einem Schönheitssalon entspannen und nicht mit Schmerz und Leid konfrontiert werden. „Andererseits gibt es auch Kundinnen, die ausdrücklich von diesen Mädchen behandelt werden wollen.“
„Jetzt stehe ich auf eigenen Füßen“
Liaqat wurde nach eigenen Angaben als Jugendliche mit einem Verwandten verheiratet. Vereinbart war jedoch, dass sie zunächst die Schule abschließen sollte, bevor sie zu ihm ziehen würde. Doch schon nach wenigen Monaten forderte der Mann, dass sie bei ihm lebe. Im Juli 2003 erschien er schließlich im Haus ihrer Familie und überschüttete sie mit Säure. Nur wenige Tage vor dem Anschlag habe sie sich noch schrecklich über einen kleinen Pickel in ihrem Gesicht aufgeregt, erinnert sich Liaqat kopfschüttelnd. Geweint habe sie nicht, als sie ihr zerstörtes Gesicht schließlich in einem Spiegel sah, sagt sie stolz. Aber als sie auf eine Hochzeit gegangen sei und alle anderen Mädchen sich hübsch zurechtgemacht hätten – das habe ihr schon wehgetan.
Akbar wurde im Alter von 22 Jahren verheiratet. Ihr Mann sei zunehmend besitzergreifend geworden und habe sie schlecht behandelt. Vor drei Jahren übergoss er sie dann mit Kerosin und zündete sie an. Beide Männer sitzen in Untersuchungshaft, die Ehen sind nach wie vor rechtskräftig.
Liaqat und Akbar haben sich mehreren Operationen unterzogen, weitere stehen bevor. Der Stiftung verdanken sie nach eigener Aussage, dass es ihnen gut gehe. „Seelisch bin ich mit mir im Frieden“, sagt Akbar. „In meiner Ehe ging es mir psychisch viel schlechter.“ Mit ihrem Einkommen will sie eines Tages für ihre Tochter sorgen, die sie seit dem Anschlag kaum gesehen hat. „Ich bin jetzt unabhängig, ich stehe auf eigenen Füßen. Ich arbeite, ich verdiene. Ich lebe sogar allein, und das ist nicht einfach für eine Frau in Pakistan.“
http://www.depilexsmileagain.com/
http://www.smileagain.it (AP)
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